Ernährungssouveränität

Die Ernährungstechnologie rund um das Functional Food und die direkte Steuerung von Ernährungstrends und Märkten, indem Vielseitigkeit und Gesundheit aufgetischt wird, zeigen nur eine Facette der Strategien wie heute verfahren wird, um von den wirklichen Zuständen des Wirtschaftssystems abzulenken.

Natürlich ist längst durchschaut, was die Ernährungsindustrie auf globaler Ebene anrichtet. Um die Zukunft der Ernährung wird heute heftig gekämpft. Seien es Aktivisten, die sich gegen den Kapitalismus stellen oder verarmte Bauern, die erkennen, wie aussichtslos ihre Situation ist.

In diesem Beitrag geht es um den Zusammenschluss dieser Aktivisten gegen das bestehende Ernährungssystem

und somit um die Vision der Ernährungssouveränität, die ihre Geburtsstätte 1996 in Indonesien hat und von der malischen Bewegung Nyeleni 2007 aufgenommen wurde.

Das Nyeleni Komitee besteht aus mehr als 500 Repräsentanten aus über 80 Ländern, mit dem Ziel die Ernährungssouveränität auf globaler Ebene zu stärken. Der Name Nyeleni ist ein Tribut an eine malische Landwirtin, die als Legende galt, da sie gute landwirtschaftliche Arbeit leistete und ihre Arbeiter immer gut ernährt hat. Die Mitglieder des Komitees sehen sich dazu berufen, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse in der Landwirtschaft dafür einzusetzen, die Weltbevölkerung zu ernähren. Sie kritisieren, dass ihre Fähigkeiten und Visionen durch den Neoliberalismus und die Globalisierung abgewertet werden. Mit dem Konzept der Ernährungssouveränität starten sie den Versuch, den negativen Entwicklungen der Ernährungsindustrie entgegenzuhalten, ihre Entscheidungsfreiheit zurückzugewinnen und ihr Wissen für eine bessere Welt einsetzen zu können.

Ihre Vision ist eine Welt, in der

…alle in der Lage sind ihre eigenen Produktionssysteme zu bestimmen, die für jeden von uns Qualität bieten, genügend, bezahlbar, gesundes und kulturell geeignetes Essen.

…Gleichberechtigung und Respekt vor der Rolle der Frau in der Lebensmittelproduktion herrscht

…alle Menschen in Würde leben können und die Möglichkeit haben, in ihrer Heimat zu bleiben

…die Rehabilitierung von Umwelt und Landschaft möglich ist

…wir die Diversität von traditionellem Wissen, Essen, Sprache, Kultur und gesellschaftlicher Organisation respektieren und wertschätzen

…Länder fair geteilt werden, unabhängig von gesellschaftlichen Klassen

…die freie Entscheidung verteidigt wird

…das Recht besteht, die Länder vor den Eingriffen von transnationalen Unternehmen zu schützen

 

Nach dem Forum der Nyeleni wurde klar, dass es auch in der EU eine solche Bewegung braucht, um etwas zu verändern, sodass erstmals 2011 ein Nyeleni-Forum in Österreich stattfand, ein Weiteres 2014. Soviel sei zur Bewegung gesagt.

Die Ernährungssouveränität ist ein politisches Konzept und bezeichnet nach dem Verständnis ihrer Befürworter das Recht aller Völker, Länder und Ländergruppen, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu definieren.

 

Ernährungssouveränität ist das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt. Sie ist das Recht auf Schutz vor schädlicher Ernährung. Sie ist das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen.

Ernährungssouveränität ist zukunftsorientiert und fokussiert das Wohlergehen kommender Generationen. Es geht um die Selbstbestimmung, die Unabhängigkeit von multinationalen Konzernen und um Transparenz, durch die ein gerechtes Einkommen und Kontrolle möglich wird.

Die erforderliche Wende könnte als Paradigmenwechsel verstanden werden, nach dem in Zukunft nicht mehr der Profit, sondern der Mensch im Mittelpunkt des Systems stehen soll, was natürlich schwierig ist, weil die, die etwas sagen möchten, viel zu wenig politischen Einfluss haben.

Aber gerade das soll nach dieser Vision passieren. Ernährungssouveränität kann nur als bottom-up-Prozess funktionieren, worauf man nach den zukunftslosen Auswirkungen der politischen top-down Aktionen zur Ernährungssicherheit sicher schließen kann. Dumping von realen Produktionskosten hat bisher noch keinem Landwirt neue Möglichkeiten eröffnet. Der Kampf der Souveränität gegen Profit scheint unmöglich, zumal die Souveränität kein fertiges Wirtschaftsmodell darstellt, sondern eine Vision, die nicht von heute auf morgen verwirklicht werden kann.

Was kann man also tun?

Es geht insbesondere darum, die Gesellschaft aufzufordern, endlich zu erkennen, wie Kapitalismus sowohl dem Produzenten, als auch dem Konsumenten Rechte nimmt. Sei es die Entscheidung, auf welchem Weg Ware gehandelt und verkauft wird, sei es die freie Entscheidung zu kaufen und kontrollieren, was man gekauft hat.

Es geht darum, die Rolle der Ernährung in der Gesellschaft zu überdenken. Einen gesellschaftlichen Wandel in Bewegung zu setzen, indem jeder mal darüber nachdenkt, was er konsumiert und was nicht. Indem man darüber nachdenkt, was Greenwashing ist und wie man die vielen Tricks der Industrie umgehen kann.

Oder man wird gleich aktiv und unterstützt solche Vorhaben wie z.B. die Foodcops 

Wie sich die Idee der Nyeleni bisher entwickelt, seht ihr in diesem Video über das Forum Europe 2016

Mittlerweile gibt es viele Organisationen, die sich das sogenannte „Food System Hacking“ zur Aufgabe gemacht haben. Die Vision der Ernährungssouveränität wird von neuen Netzwerk Technologien aufgegriffen und realisiert. Themen sind nicht nur die horizontale Wirtschaft, sondern auch das vernetzte Denken, Urban Gardening und viele andere Ideen. Auch Geographen haben sich der Aufgabe angenommen, die Entwicklung zu beobachten. Es gibt interaktive Karten, in denen Orte eingetragen werden sollen, die die Rechte zur Souveränität erlangen konnten oder Fortschritte gemacht haben. Das Ganze sieht z.B.  so aus

infographic

Quelle: foodtechconnect.de

unbenannt

Quelle: tenthamendmentcenter tracking

 

 

Weiterlesen:

Nyeleni Forum

Agrar Attack über Ernährungssouveränität

Interaktive Food Sovereignty Maps

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s