Die Aronia Globalisierung

Exotische  Superbeeren kamen gefühlt alle gleichzeitig in Mode: Goji, Acai, Acerola, Aronia. Meist nicht als reine Beere importiert, sondern als Bestandteil von Smoothies, getrocknet in Müsli, als Pulver in Kapseln, als Tablette oder Energieriegel.  Bis heute kennt niemand wirklich den Unterschied dieser Beeren, weiß, wie sie wachsen, wo sie herkommen oder wie sie aussehen.

Aber Stopp! Die exotische Aronia aus Nordamerika ist gar nicht so fern beheimatet, sie ist schon vor längerer Zeit zu uns gewandert.

Die Aronia Beere

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Quelle

Die Aronia wächst am Strauch und gehört zu den Rosengewächsen. Die am häufigsten angebauten Arten sind die Aronia arbutifolia und Aronia melanocarpa.

Geschichte

Die Apfelbeere stammt ursprünglich aus dem Nordosten der USA. Schon die Indianer haben die Beeren getrocknet und zu Proviant verarbeitet. 1900 wurde die Aronia durch den Botaniker Iwan Mitschurin nach Russland gebracht, der nach frostresistenten Obstsorten forschte. Er hatte Erfolg damit, sodass die Aroniabeere erstmals 1946 anerkannt wurde. Ein paar Jahre später wurde sie über den Balkan nach Deutschland gebracht. 1976 begann der Anbau in der ehemaligen DDR in der damaligen LPG Berglandobst in der Nähe von Bautzen.

Globalisierung der Apfelbeere

In den USA wurde die Apfelbeere (engl. Chokeberry) im Zuge des Superfood-Trends als Superfood Aronia neu vermarktet. Keiner wusste zu dieser Zeit, was Aronia-Beeren sind, nur, dass sie der Cranberry ähnlich sind. Somit war auch die Vermarktung eine Herausforderung, denn:

1. Wer einmal Aronia testet, kauft sie nicht unbedingt wieder, da die Cranberry im Vergleich viel günstiger ist.

2. Selbst, wenn die Aronia ähnlich wie die Vermarktung von Cranberry vor 70 Jahren als Bestandteil anderen Produkte in Alltagsprodukten (presence marketing) funktionieren könnte, ist die Konkurrenz zu hoch.

Dazu kommt, dass sie im Vergleich zu anderen Beeren nicht erfrischend und süß, sondern viel mehr herb und sauer ist.

Die Kritiker sagen…

Aronia Unternehmen und Startups wollen natürlich keine 50-70 Jahre darauf warten, dass die Aronia endlich in den Alltag integriert und die Nachfrage hoch und konstant ist, aber die Frucht ist immer noch kein Mainstream Produkt. Viele befürchten, dass die Erwartungen zu hoch waren.

Dieses Problem wird von ihnen auch als chicken and egg Situation beschrieben, denn ein Produkt muss verfügbar sein, damit sich Konsumenten damit anfreunden können, aber die Bereitstellung ist kostspielig.

Es stellt sich die Frage, ob man genug Produkt an diejenigen Unternehmen bereitstellen kann, die Aronia weiterentwickeln wollen?

Es gibt natürlich auch Unternehmer, die eine modernere Mission haben.

Aronia soll als einheimisches Superfood vermarktet werden, nicht als nächste Cranberry.

Sie soll kein günstiges Angebot werden, sondern Teil der hochwertigen Industrie, so wie Brasiliens Acai und Chinas Goji,  aber mit dem Marketing-Stempel, dem Mittleren Westen anzugehören.

Mit dieser Idee hat man sich auch in Deutschland angefreundet, denn die Aronia schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe.

1. Das Produkt passt zum Weltruf nach exotischen Superfoods mit ausgefallenen Namen und ist gefragt.

2. Gleichzeitig kann man es auch in Deutschland als regionales Produkt betiteln.

Anbau als regionales Produkt

In der DDR wurde Aronia hauptsächlich zur Gewinnung von Farbstoffen angebaut und nach der Wende wieder vergessen.

Die Rückkehr als Superfood erfolgte nach dem Vorbild des Vertriebs in den USA. Frisch sind sie auch hier kaum zu finden, dafür in getrockneter Form oder in anderen Produkten verarbeitet.

Die Nachfrage nach Aronia aus der Region steigt, die Anbauflächen in Sachsen und Brandenburg wachsen.

Besonders in Ostdeutschland wird investiert. Die Nachfrage nach regionalen und gesunden Produkten steigt. Laut statistischem Bundesamt bauten 2015 in Deutschland 82 Betriebe Aronia-Beeren an, mehr als 50% setzen auf ökologische Bewirtschaftung. Die Fläche ist in diesem Jahr von 100 auf 400 Hektar gewachsen.

Aronia ist laut dem Geschäftsführer von Aronia Original in Dresen „ein deutsches Produkt mit Weltgeltung“.

Außerdem stellt sich der Anbau als Chance für diejenigen Landwirte dar, die im Wettbewerb von Fleisch- und Milchhandel nicht mehr mithalten können.

Der Aronia-Anbau ist durch die Situation der wachsenden Nische eine neue Erwerbsmöglichkeit. Unsicher ist aber, ob er eine stabile Alternative werden kann. Denn der Ruf nach regionalen Produkten und vor allem nach speziellen Superfoods, die bekanntermaßen günstigere Konkurrenten haben, kann jederzeit wieder vorbei sein, wenn der Konsument das Gefühl hat, zu tief in die Tasche greifen zu müssen.

 


Ist Aronia besser Nichts oder Etwas?

Die Unsicherheit, ob der Anbau von Aronia eine lohnenswerte Investition ist, kann auch theoretisch hinterfragt werden.

Aronia sollte nicht nur als globalisiertes Produkt gesehen werden, sondern als Produkt mit zwei Bezugsrichtungen. Dieser Gedanke kann anhand Ritzer´s Theorien der Globalisation of Nothing erklärt werden, als Konflikt zwischen dem Lokalen und Globalen.

Einerseits ist die Aronia-Beere ein Produkt, dass erstens nicht mehr einer bestimmten Region zuzuordnen ist, weil es theoretisch überall angebaut werden könnte und zweitens oft „nur“ Inhaltsstoff ist, als Farbstoff beispielsweise oder als Zutat alleine des Namens wegen. Nach Ritzer wäre diese gedankliche Richtung die Grobalisierung zu einem „Nicht-Produkt„. Dies hat den Vorteil , dass ein homogenisiertes Produkt auch universell einsetzbar ist und kein bestimmtes Etikett tragen muss. Somit könnten die Landwirte, die mit Aronia auf Wachstum setzen, so wie es einst bei der Globalisierung von Cranberry  stattgefunden hat, die Gefahr des Ende eines Trends oder einer Nische umgehen.

Andererseits gibt es derzeit viele Landwirte, die, zurecht, bewusst Wert auf ökologischen Anbau legen und dem Local Food Trend alle Ehre machen wollen. Die besondere Nische, regionales Superfood zu glokalisieren und zu etwas besonderem zu machen, ist in vielen Punkten wichtig. Für die Erhaltung der Heterogenität, Rückbesinnung, um die Nachfrage an regionalen Produkten sättigen und doch ist die Erzeugung eines „Nichts“ für Landwirte oft die einzige Möglichkeit am Markt mitzuhalten.

Dass es in Deutschland viele Farmen gibt, die sich als Grundlage auf „Nicht-Produkte“ stützen, wie etwa Fleisch und Milch, um dem Wettbewerb standzuhalten, und gleichzeitig versuchen, Richtung Glokalisierung zu streben, erscheint als eine gute Möglichkeit und einen sinnvollen Kompromiss der derzeitigen Prozesse der wirtschaftlichen Globalisierung.

 

 

 

 

Modern Farmers: Aronia als Local Superfood

Aronia Plantagen in Deutschland

Aronia Geschichte

Berry Fruit as Superfood- Hope or Hype?

 

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